Wer am Dienstag nach der Wolsdorfer Kirmes abends durchs Dorf spaziert, wird Zeuge markerschütternder Schreie und lauten Jammerns. Das kommt nicht nur vom Kassierer, der dieser Tage ausrechnet, wieviel Freibier an der Kirmes über die Theke gegangen ist. Die lautesten Schreie stammen zweifelsohne von „Frau Schmitz“, der designierten Witwe des Paias, dem am Dienstagabend der Prozess gemacht wird. Der Paias oder Kirmeskerl hat am Wochenende über die Kirmes gewacht. Wie Fotos zeigen, hing er früher mit seinem Stuhl am Maibaum vor der damaligen Vereinsgaststätte Rosenhügel. Seit Mitte der 90er verbringt er die Kirmestage auf einem Fenstersims an der Jakobstraße 1, direkt über der Bierbude, von wo aus er das Kirmestreiben stets im Blick hat. Nun geht zum Bedauern aller Besucher jede Kirmes einmal zu Ende. Und für die ganzen Missgeschicke, die sich dort ereignet haben, muss doch jemand verantwortlich sein: Es war bestimmt der Paias, der für seine Missetaten verurteilt werden muss.
Das hohe Gericht tagt mittlerweile vor dem Warsteiner Eck. Das Publikum nimmt ringsherum auf Bänken und Mauern Platz. Schon wenn sich gegen 19:30 Uhr die Türen der Kneipe öffnen, ist das Gelächter groß. Allen voran geht der Pastor, andächtig mit weißer Spitzengardine behangen. Natürlich bringt er auch einen Messdiener mit, der gleich einen ganzen Eimer voll Weihwasser bei sich trägt; und wahrscheinlich, weil es die Wolsdorfer nach vier Tagen Kirmes bitter nötig haben, verteilt er dieses nicht gerade sparsam mit einer Klobürste im Publikum. Dahinter erscheinen Staatsanwalt und Verteidiger, natürlich im Talar, der Verteidiger mit Doktorhütchen. Begleitet von Fähnrichen nimmt schließlich „Frau Schmitz“ laut schluchzend neben Ihrem Gemahl, dem Paias, vor den Türen der Schankwirtschaft Platz.
Beim Plädoyer des Staatsanwalts bekommt jetzt, sehr zur Belustigung des Publikums, neben dem Paias auch so manches Vereinsmitglied sein Fett weg. Lustige und peinliche Missgeschicke, organisatorische Versäumnisse und sonstige Katastrophen, fies geplante Schandtaten des Paias, sogar das Wetter kommt hier auf den Tisch. Verzweifelt versucht der Verteidiger das Urteil noch abzuwenden, anderen Vorstandsmitgliedern die Schuld zu geben oder in Jahren mit besonders guter Kirmes sogar das Publikum von einem Freispruch oder der Konservierung durch Einfrieren zu überzeugen. Große Chancen hat er dabei meistens nicht, steuert aber seinerseits oft herrliche Anekdoten aus der Maizeit und der Kirmes bei. Bei gutem Wetter und vielen Vorkommnissen kann der Prozess durchaus eine Stunde oder länger dauern. Ist das unweigerliche Hinrichtungsurteil dann nach einer Abstimmung unter den Anwesenden gefällt, begibt sich die Trauerprozession unter Leitung des Pastors zum Maibaum. Hierbei wird andachtsvoll das Lied „Oremus Möschebeen – Mer jonn noch lang net Heem“ angestimmt.

Nicht selten versucht „Frau Schmitz“ die Gelegenheit der Prozession dazu zu nutzen, um Ihren Paias noch durch spontane Fluchtversuche vor seinem Schicksal zu bewahren. Legendäre Geschichten ranken sich hier um rekordverdächtige Sprints mit ihrem Mann resolut über die Schulter geworfen, vorbeifahrende Autos und die Gesichtsausdrücke der Fahrer, als sie plötzlich etwas bizarr die hastig einsteigende „Frau Schmitz“ samt Ehemann entdeckten. Bis hin zu Versuchen den Paias unter Einsatz des Lebens sogar noch aus den lodernden Flammen zu befreien. Letztlich wurde der Paias jedoch aller Bemühungen zum Trotz jedes Mal verbrannt.
Zuvor gibt es noch einen letzten Fahnenschwenk und ihm wird die Ehre zuteil einen Walzer („Der Mai ist gekommen“) unter der Fahne mit der Maikönigin und seiner „Frau Schmitz“ zu tanzen. Brennt das Feuer erstmal, gibt der Pastor häufig noch eine Persiflage „vom guten Kamerad“ zum Besten, dessen Text sich nicht genau bestimmen und sich jährlich zu ändern scheint. Anschließend lädt er die Gemeinde mit unverhohlener Vorfreude zu einem Leichenschmaus ins Warsteiner Eck ein. Hier wird es dann noch einmal gemütlich, die Kirmes ist endgültig vorbei. Oft erwischt man die Vereinsmitglieder hier aber, ungeachtet der großen Anstrengungen der zurückliegenden Tage, wie sie schon Verbesserungsvorschläge für die nächste Kirmes diskutieren, denn: Nach der Kirmes ist in Wolsdorf schließlich vor der Kirmes!
Wie viele Begriffe aus dem Rheinischen scheint die Bezeichnung „Paias“ übrigens aus dem Französischen zu stammen. So bezeichnet „le paillasse“ laut Wörterbuch einen „Possenreißer“ oder schlicht „Clown“. Letzteres findet sich zum Beispiel auch im Spanischen als „el Payaso“. Interessanterweise bedeutet „la paillasse“ auch „Strohsack“. Wie passend!
So bleibt uns nichts, als unserem Paias für die Zukunft mehr Glück zu wünschen, denn letztlich würde ein Freispruch doch eine perfekte Wolsdorfer Kirmes gänzlich ohne irgendwelche Vorfälle voraussetzen. Aber andererseits, wo bliebe denn da der Spaß?